Absolute Mehrheit:  Breitbeinig im Schweinsgalopp  oder Innovatives Fernsehen?

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Absolute Mehrheit: Breitbeinig im Schweinsgalopp oder Innovatives Fernsehen?

Contra: Bianca Ziegler

Es hat genervt. Es hat wirklich einfach genervt, einem viel zu breitbeinig dasitzendem Entertainer dabei zuzuschauen, wie er sich im politischen Talk versucht. Die alten Vorurteile gegen Ossis, „Essen mit Stäbchen“-Witze über Rösler und dazwischen der Versuch, innerhalb eines enormen Tempos über Dinge zu sprechen, die bewegen. Aber beginnen wir von vorn.
Es begann mit Raabs Versuch, die Sendung zu erklären. Viel zu lang und breit. Gefühlte 200.000 Mal wurde das Wort „seriös“ (ab-)genutzt; vielleicht um es sich selbst einzureden. Jedes Mal, wenn ein Thema gerade hitziger diskutiert wurde, musste der breitbeinige Moderator unterbrechen, um die Zwischenergebnisse ab-zufragen–eine gehaltvolle Dis-kussion war unmöglich. Etwa 95 Minuten Bruttolaufzeit hatte die Sendung. Davon ging gut die Hälfte fürs Auswerten und pushen eines vermeintlich innovativen Zuschauervotings drauf. Raab bezeichnete das als „Speed-Meinungsbuilding“. Peter Limbourg, anmoderiert als „Senior Vice President Nachrichten und politische Information der ProSieben Sat.1 Media AG“, hatte die undankbare Sidekick-Aufgabe, Raab alle Viertelstunde mit einem Schulterklopfen zu bestätigen, wie gelungen diese Talkpremiere sei (erstmals vor Erscheinen der Talkgäste). Ach ja, und fürs Erklären des Votings war Limbourg auch zuständig.
Der anwesende CDU-Fuchs war zu trocken, zu unsexy, zu überkomplex und wurde prompt nach der ersten Runde abgewählt. Sein erster Redebeitrag startete mit den Worten: „Das Bundesverfassungsgericht hat gesagt …“ – ein Fehlgriff, den Fans des flach pointierten Privatfernsehens nicht hören wollen. Flotte Konter, lässige Posen, darum geht es. Das Konzept von Raabs neuer Show wurde bereits im Vorfeld stark diskutiert; Kritiker sprachen von einem demokratiegefährdenden Konzept. Mit dem Untertitel „Meinung muss sich wieder lohnen“ und der Aussicht auf ein Preisgeld wird Politik zur Farce. Das Publikum entscheidet sich mit einem Einsatz von 50 Cent je Anruf oder SMS für seinen Liebling und ProSieben begründet dieses Konzept damit, dass sich junge Leute wieder für politische Themen interessieren. Meinungen, die für Geld bestellt werden – so empörte sich Bundestagspräsident Norbert Lammert. Irgendwie war es weder ein gelungener Versuch, Politik interessant werden zu lassen, noch wurden Meinungen für Bares bestellt – denn Meinungen konnten gar nicht vernommen werden zwischen den Uralt-Witzchen, billigen Plattitüden und ständigen Unterbrechungen, die Raab einstreute.
Jedes der drei diskutierten Themen wurde mit einem Einspieler eingeleitet, der laut und suggestiv, keinesfalls neutral war. Der angekündigten Seriosität folgte die Frage an van Aken, ob er mehr auf Sahra Wagenknecht oder Katja Kipping stehe. Dass Van Akens die Sympathien der Zuschauer hatte, erklärte der immer noch breitbeinig dasitzende Moderator mit der Tatsache, dass man ProSieben mittlerweile auch im Osten empfange. Und der FDP-Mann Kubicki wurde mit der Frage begrüßt, ob Rösler weg müsse und wie Raab dabei helfen könne. Die Debatte darüber wird mit einer billigen Portion Rassismus abgewürgt: „Wenn er das beim Abendessen sieht, hoffentlich fallen ihm nicht die Stäbchen aus der Hand.“
Der Versuch der TV-Show, Politik mit Entertainment zu verbinden, war weder provokant noch staatsgefährdend. Es war ziemlich einfältig. Wohl am inhaltsreichsten war der Show-Verlierer Fuchs, als er die Bundestags-App empfahl und Raabs Frage, ob Games dazugehörten, mit „Bundestag ist nicht viel Game“ beantwortete. 95 Minuten Brutto-Sendezeit für eine Erkenntnis: Politik kann Spaß machen. Aber sie ist ernstzunehmen und nicht dem Entertainment auszusetzen. Wenngleich Raab bislang alles, was er anfasste, zu Gold machte, bleibt inständig zu hoffen, dass „Die absolute Mehrheit“ schnell ein absolutes Ende findet!

Pro von Heiko Wein

Ja, ja, und nochmal ja. So richtig sprang während der Talkpremiere von „Absolute Mehrheit“ der zündende Funke zugegebener Maßen nicht über. Es war halt ein Experiment. Und: Es ist Innovation. Eben diese vermissen wir doch alle im deutschen Fernsehen, wo altbackene Formate uns, meist aus Übersee, derart wiederholt, durch den Fleischwolf gewirbelt, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, immer und immer wieder vorgesetzt werden, dass unsereins dem Brechreiz näher, als der fernsehmedialen Glückseligkeit, ist. Wo Günther Jauch, Maybritt Illner und Anne Will nur fortsetzen, was ihrer Meinung nach „seriöser Talk“ ist, dabei aber lediglich gähnend langweilige Unterhaltung für ein imaginäres Rentnerpublikum pro-duzieren, glänzt Stefan Raab mit der charmanten Losung „Scheiß Egal, ob wir es können. Wir versuchen es mal!“.
Man kann von dem Zahn-Wunder Stefan Raab halten, was man will. Doch wer hat in den letzten Jahren für eine Samstagabend Unterhaltung gesorgt, wenn nicht der Metzger aus Köln? „Schlag den Raab“ und die verschiedensten TV-Total-Events sind doch der beste Beweis, dass Raab in einer Welt, voll von Innovations-Feiglingen, die erschreckender weise oftmals im öffentlich-rechtlichen Anstalten zu finden sind, mehr als eine Nische zu füllen weiß. Und gleichzeitig ist es unsagbar traurig, das lediglich Raab mit neuen Ideen an das, mittlerweile debil vor sich hin sabbernde, Publikum herantritt.
Es tut gut das Pro Sieben hier mitzieht und die verschiedensten Formate einmal versucht. Es gibt Hoffnung zu wissen, dass es einige kreative Köpfe gibt, die durchaus noch etwas versuchen wollen. Dem Experiment nicht abgeneigt sind. Dabei ist es unerheblich ob aus jeden Versuch auch ein Erfolg wird.
Weiter so, Stefan Raab.