Atomic Cafe

Atomic Cafe

Was soll man sagen? Die Uschi Obermaier der deutschen Clubs geht uns verloren… Nicht durch einen mysteriösen, plötzlichen Rock’n Roll-Tod wird sie verschwinden, sondern ihr Ableben ist bürokratisch genau datiert. Ende 2013 läuft der Pachtvertrag des legendären Münchner Clubs the Atomic Café aus und wird, so wie es jetzt aussieht, definitiv nicht verlängert.

LS

Es kommt einem vor, als wären in den fünfzehn Jahren seines Bestehens mehrere Generationen gekommen und gegangen, einige herausgewachsen, andere, die nicht loslassen können, weil sie nirgendwo mehr reinpassen, nicht – und immer allgegenwärtig war die Frage nach der aktuellen Jeunesse d’orée, die den Laden jetzt gerade übernimmt. Ganz klar, die Anfangszeit war wie bei allen guten Serien die intensivste. Als Indie mit einem großen Schwung auch in Deutschland das Segment des “Mainstreams” eroberte. Slacker eine Lebenshaltung war. Und Retro noch cool. Man gehörte einfach nicht in das sich mit allem abfindende Jetzt. Noch nicht. Die Entscheidung, 1997 einen Laden im Sixties-Space-Age-Stil zu machen, hatte dabei keinen kalkulierten Hintergrund, sondern repräsentierte einfach den Geschmack der Betreiber. Christian Heine und Roland Schunk gingen dabei noch recht unbefangen mit der Perspektive an den Start, man würde das jetzt mal ein paar Jahre machen. Im handverlesenen Secondhand-Ambiente begann eine wilde Partyzeit.

Das Atomic war immer ein Supergirl mit perfekten Proportionen, mit weiblichen Formen und charismatischer R’n’R-Seele. Ein glamouröser Kumpel, mit dem man den besten Sex der Welt hat. Für den man sich hübsch machte, der es einem aber auch nicht übel nahm, wenn man so kam, wie man war. Livekonzerte gingen nahtlos in Diskonächte über. Während die Gäste bereits auf der Tanzfläche versuchten, die Spiegelkugel von der Decke zu holen, wurden noch die Amps von der Bühne durch die Menge bugsiert. Oft war der Laden gepackt voll mit Busladungen exotischer Inselbewohner, die extra wegen einer noch unbekannten aber ultraheißen Band aus Britannia in den feindlichen deutschen Süden gereist waren. Und schließlich am Ende des Abends Arm in Arm bierselig mit den Bayern feierten.

Der Ruf des Atomic trug sich über seine Besucher aus der R’n’R Hemisphäre in alle Welt, es war kein billiges Groupie, sondern wurde selber Legende.
Die Anwesenheit bekannter Gesichter wurde dabei immer als eine Selbstverständlichkeit hingenommen. So begegnete man schon mal einem oberkörperfreien Ex-Sueder Brett Anderson im nie hermetisch abgeriegelten Backstagebereich. Und dies löste weit weniger Hysterie aus, als ein unerwartetes tete à tete bei der schweigenden Gesamtbesetzung von Kula Shaker, der man plötzlich gegenüberstand, wenn man sich klammheimlich am Backstagekühlschrank bedienen wollte. Die Kings of Leon lächelten ihre Irritation über den freundlichen Vorwurf Pussies zu sein höflich weg, als sie auf den 17. Geburtstag ihres Bassisten artig mit Sekt anstießen. Die waren eben auch da und wurden münchnerisch herzhaft miteingebunden. Wie Pete Doherty, der irgendwann schon eine Art Stammgast wurde und seine Tourplanung an die Nähe zu München anzupassen schien. Bekannt sind die Geschichten von Kiss, die nicht reinkamen, nicht wegen falschem Styling, sondern der Bewaffnung ihrer Bodyguards. So was paßt eben nicht in einen Club, in dem alle Gäste die Stars sind. In dem es hoch her geht und man trotzdem die Zahl der Schlägereien in fünfzehn Jahren an der Hand abzählen kann. Das Atomic hatte eben etwas Elitäres, Elegantes, eine Mod-Philosophie. Wer was zu regeln hat, geht gefälligst vor die Tür. Wenn dort nicht gerade eine Mannschaft betrunkener Iren mit einem frisch-gepflückten Verkehrsschild versucht, diese zu stürmen.

Das alles in der Toplage in der Münchner Innenstadt. Hier wurde klar: Wir sind auch München. Und das zeigte durch seine Indiejugend, die auf den Bordsteinen rund ums Atomic flackte und im Morgengrauen ungestört von der 100 Meter entfernten Polizeiinspektion Privatkonzerten auf einer Akustikgitarre lauschte, eine ganz andere Seite der bayerischen Hauptstadt. Flexibel war man auch bei der Musikwahl. Immer verbindend dabei aber die Tatsache, dass es nie ein plattes, überblendetes muskalisches Einerlei gab, sondern emotionale Kurven wie auf einem guten Konzeptalbum. Legendär die Indienächte, in denen der Laden in orgiastischen Gitarrenwänden zu schwingen anfing. Das Atomic kurz vorm Abheben. Oder die 60`s-Abende, an denen sich girls auf der Tanzfläche bewegten, wie aus einer der ersten Folgen vom Musikladen. Überhaupt war das Atomic immer ein Club, für den man sich stylte, auch wenn es einfach nur casual war. In der Zeit der großen Berlinverunsicherung, die durch München zog, verlor es in dieser Hinsicht. Die Hipsterbewegung war noch zu jung, um Paradiesvögel hervorzubringen. Das ändert sich gerade. Ein neuer Schub comichafter Ikonen fordert seinen Tribut. Und die Neuankömmlinge könnten wieder etwas bewegen. Und gerade jetzt soll es vorbei sein? Mit dem Bekanntwerden der Schließung bekommt die Vergangenheitsform, in der alle Atomic-Legenden erzählt werden, einen bitteren Beigeschmack.

Seine Linien, welche die durchzechten Nächte am Atomic und auch so manchem Stammgast hinterliessen, haben ihm Charatker verliehen. Aber natürlich fragt man sich, wie lange wäre es noch gegangen? Das Atomic konnte viele Stilwandel aufnehmen ohne seine Echtheit zu verlieren. Der Club war nie von einer gesichtslosen Betreibergesellschft geprägt, sondern von den Wandlungen und Vorlieben der beiden Charaktere Heine und Schunk, die über die Jahre gerade durch ihre Verschiedenheiten ein vollständiges Ganzes geschaffen haben und dabei wahrscheinlich besser zusammenpaßten, als ihnen wohl bewußt war. Vielleicht ist ein Club, der berührbar bleibt und trotz fehlender Vip-Ecke und “It”-Leuten so viel Glam hat, heute ein Anachronismus. Wenn Kunst gleichgesetzt wird mit Gosse. Kein Gefühl ohne Ironie transportiert wird. Und große Gesten nicht mehr von “unten” kommen dürfen. Und gerade deshalb müßte es weitergehen. Unverständlich bleibt, warum das Atomic nicht einem gewissen Schutz unterliegt. Als kulturelle Institution wie die Eisbachsurfer. Alles, was München so gerne nach außen transportieren würde, hat es vereint. Hoffnung gibt es auf eine Verlängerung. Schon seit einige Zeit wird gemunkelt, dass das Atomic unter Umständen in einem Keller wiederauferstehen könnte und sich seine Adresse dabei nicht maßgeblich verändern würde… Aber nichts ist bislang sicher. Und wäre das wirklich ein Trost? Der Atomic-DJ Henning Furbach setzt dem von Max Scharnigg in der SZ gezogenen Vergleich, es sei, als würde “Mama aus deinem alten Kinderzimmer ein Bügelzimmer machen” , noch einen drauf: “Es ist, als würde man von seinem Kinderzimmer in den Partykeller ziehen.”
Bitte, bitte, dürfen wir????