Atomic-Interview

Foto: Bernhard Zerta

Atomic-Interview

Wir besuchen Christian Heine in seiner Münchner Dachgeschoßwohnung unweit vom Gärtnerplatz. Es ist Samstagabend, wir gehen davon aus, dass er nicht viel Zeit hat und haben auf die Schnelle noch ein Sixpack mitgenommen, das allerdings die Länge des Interviews nicht überdauert. Seine Wohnung ist stilvoll und warm, gemütlich wie aus einem Woody Allen Film, mit viel Rock and Roll-Statements und Unmengen – Fahrrädern… Im Hintergrund läuft “Potugal. The Man” – natürlich auf Vinyl.

LS

Ihr habt von Anfang an auf Indie gesetzt. Und das Atomic wurde ja genau in einer Zeit gegründet, wo dieser aus seinem Randdasein in den Köpfen der Leute und auch verkaufsmäßig in den früheren Mainstreammarkt eingedrungen ist. Oasis, Blur, die haben dann eben nicht mehr nur eine Randgruppe erreicht..
Schon, aber Du darfst natürlich auch nicht vergessen, dass 1997, als wir das Atomic aufgemacht haben, die Clubkultur ganz klar Techno und House war, ist sie ja heute noch. Schau dir Bands wie die Killers an oder Muse: die haben haben 1998 im Atomic gespielt und inzwischen spielen sie in der Olympiahalle.

Was war Euer Plan damals?
In unserer Presseerklärung von 1997, als wir das Atomic aufgemacht haben, habe ich sinngemäß schon damals gesagt – das war natürlich sehr großspurig und so war’s auch gemeint – dass wir mit dem Atomic Cafe eine Kulturrevolution starten wollen. Wir wollten, dass mehr Leute gute Musik hören. Und das ist letztenendes ja auch so gekommen. Uns ging’s nie darum, eltitär zu sein, “anders als andere”, ich meine, ich war schon über 30, als wir das Atomic aufgemacht haben und kein pubertierender Teenager mehr. Auf jeden Fall ging’s uns immer schon um den Inhalt und die Musik. Die Musik, die uns selber persönlich gut gefällt. Das war ja auch der Grund, warum wir überhaupt den Club gemacht haben. Die meisten Gastronomen machen es ja andersrum, die machen `ne Disco auf und buchen dann DJs, die spielen, was die Leute hören wollen.

Jetzt sind 15 1/2 Jahre rum. Das Aussehen des Atomic ist gleichgeblieben.. aber in wieweit hat es die musikalischen und stilistischen Veränderungen der Zeit umgesetzt?
Das gute ist, dass wir ja eigentlich noch nie so hunterprozentig auf einen Sound fixiert waren. Wir hatten von Anfang an unsere Retro- Themen und den BritPop mit Marc Liebscher, aber ja auch sehr viel anderes. Naja, und wenn ich mir heute die Sets anhöre von unseren DJ’s, dann sind die ja überhaupt nicht zu vergleichen mit denen von vor 10 Jahren. Damals lief mehr oder weniger ein Sound den ganzen Abend. Und inzwischen geht’s ja von Hiphop über Remixe, über elektronische Spielarten bis hin zur Gitarre. Samstags gibt es jetzt auch viele Gast-DJ’s. Wobei Danceeinflüsse mir bis heute einfach nicht gefallen..

Gab’s Parallelen zwischen dem Atomic und Deiner persönlichen Entwicklung?
Der Plan war eigentlich der, dass wir das drei Jahre machen, total auf die Kacke hauen und irgendwann gibt’s `nen großen Schnalzer, die Sache löst sich in Rauch auf und wir sterben den Rock’n’Roll-Heldentod.

Ist aber nicht passiert.
Nee. Ich arbeite zwar hart darauf hin, jetzt schon seit Jahren, aber irgendwie passiert’s nicht.

Und als du gemerkt hast, jetzt gehts doch noch a bisserl weiter…?
Ich weiß zu schätzen, was ich da habe. Es ist ein toller Beruf, macht Spaß, ich hab’ viel mit Bands und Musik zu tun, die Szene macht Spaß, es sind lauter nette Leute, die bei mir arbeiten und viele nette Stammgäste. Natürlich bin ich nicht ganz so unbefangen, wie wenn ich als Gast in ‘nen Laden gehe, weil ich die Verantwortung trage… Ich bin halt so, ich komm da rein und möchte, dass alles passt, weil ich denke, dass die Stimmung im Laden, die gute Atmosphäre von diesen Details auch abhängt.

Ich hab Dich auch einige Male oben ohne auf der Tanzfläche gesehen…
Ja. Aber auch das hat sich ein bißchen verändert. Ich muss dir ganz ehrlich sagen, dass ich das auch nicht kann: in den Laden gehen und nichts trinken, und ich kann dann auch nicht nach drei Bieren sagen: ok, jetzt hab ich keinen Durst mehr – weil’s nicht stimmt. Und das ist anstrengend auf Dauer. Jetzt hab ich ‘ne ganz gute körperliche Konstitution und steck’s einigermaßen weg, aber ich bin dieses Jahr 47 geworden…

Denkst du jetzt echt um?
Ich habe ja auch noch andere Interessen. Ich fahr’ Rennrad zum Beispiel. Schon seit über 10 Jahren inzwischen. Ich bin ein paar Jahre ziemlich viel gefahren, da hängen noch meine ganzen Startnummern aus der Zeit… viele Marathons und so weiter.

Aber die Libido leidet unterm Radfahren…
Das halt ich für totalen Quatsch. Wenn du auf dem Rennrad sitzt, dann sitzt du ja nicht auf dem Gemächt, sondern auf deinen Beckenknochen.

Hast Du in der ganzen Zeit mal gespürt, dass du was ganz anderes machen willst?
Deutlich… Momentan liegt mein Fokus ganz stark auf der Idee, Mustangs zu züchten.

Aber nicht in Deutschland?
Doch klar, warum nicht?

Also wär’s für Dich eine echte Option, komplett auszusteigen und was neues anzufangen?
Sagen wir’s mal so: was ich mir schwer vorstellen kann, ist, dass ich mit – jetzt lass mich noch mal 5 Jahre älter werden – dass ich dann immer noch betrunken in dem Laden drinsteh’. Der Punkt ist der, ich hätte nie gedacht, dass ich überhaupt so alt werde. Ich muss mich jetzt langsam mal mit ‘nem Gedanken anfreunden, den ich wirklich verdrängt hab: nämlich, dass das Leben weitergeht, auch wenn man über 40 ist.

Naja, ungefähr das Alter, in dem Timothy Leary angefangen hat, mit Drogen zu experimentieren…. 
Schon klar, aber ich muss natürlich auch von irgendwas leben. Ich hab ja parallel immer noch alles Mögliche ausprobiert: Labels, Künstlermanagement… Jetzt mach’ ich noch meine Konzerte außerhalb vom Atomic als örtlicher Veranstalter. Es kann dabei wirklich so schnell gehen, dass du viel Geld verlierst und es ist so schwierig, damit Geld zu verdienen.

Also so richtig fett reich und Goldketten ist einfach nicht? 
Vergiss es. Null. Gar nicht. Und das ist halt auch aus heutiger Sicht betrachtet so’n bisschen ärgerlich. Andere Leute haben in der gleichen Zeit fünf Läden aufgemacht und sind richtig zu Geld gekommen…

Livemusik war ja auch im Atomic-Konzept immer sehr wichtig…Warum? 
Erstens mal hab ich selber ‘mal in ‘ner Band gespielt und zweitens finde ich das schon noch mal was anderes, wenn man die Jungs dann in echt auf der Bühne sieht.

Und die Bands waren immer berührbar. Glam vor dem Glitzervorhang und dann halt Gast…
Klar. Und mei, da passiert halt was. Dass man da hinter latschen kann, in den Backstageraum, das könnte man natürlich verhindern, indem man da jemanden postiert – ist aber erstens zu teuer und zweitens ist es oft so, dass die Bands das dann auch gut finden, wenn Leute nach hinten kommen. Erlaubt ist das aber nicht und wer erwischt wird, muss mit Konsequenzen rechnen.

Wie würdest Du den Stil des Atomic bezeichnen?
Das war von Anfang an natürlich so, dass dadurch, dass diese Mod- Nummer auch ‘ne große Rolle gespielt hat – und die Mods sind halt so, die tragen oft ‘nen Anzug und sind ‘n bissel sophisticated – das hat den Look und den Stil mitgeprägt, ist klar. Inzwischen ist das alles natürlich aufgeweicht, weil es diese Jugend-Subkulturen einfach so nicht mehr gibt.

Sind die Hipster von heute die neuen Indieleute? Im Moment gitb es da ja einiges frisches Blut im Atomic..
Du, hab ich nichts dagegen. Wenn die Leute sich originell anziehen, fand ich das schon immer gut. Und mei, die Hipster. Über die wird gerne geschimpft, aber das liegt ja nur daran, dass es inzwischen da so ‘ne gewisse Uniformierung gibt… Das sind einfach Modeerscheinungen, die es schon immer gab, insofern reg’ ich mich da auch nicht drüber auf.

Nun läuft Euer Pachtvertrag 2013 aus. Und wird wohl nicht verlängert. Wie gehts jetzt weiter?
Die Vermieter haben sich jetzt sehr fair gezeigt und in den Raum gestellt, dass wir eventuell eine Alternative angeboten bekommen. Aber wie gesagt… Es ist noch alles offen.

Was könnte das neue Atomic aussehen? 
Ich denke mal, dass wir uns von diesem retro-futuristischen Sixties- Style dann schon verabschieden würden, weil an dem hat man sich natürlich schon so’n bisschen sattgesehen inzwischen. Sagen wir es mal so: So ‘nen Laden mal neu hinstellen, das wär’n totaler Traum. Da hätt ich eigentlich große Lust drauf und es würde sicher auch extrem spannend aussehen, das Ganze. Da könnte man dann so eine Bladerunner-Darkness reinbringen.

Und wenn es nun doch nicht weitergeht… was schliesst die Lücke, die das Atomic hinterlässt? Wo sollen wir denn dann bitteschön hingehen?
Du, mein Gott, dafür bin ich dann nicht mehr verantwortlich. Also, das ist so ein bisschen ein Dilemma, dass man weitermachen muss.

Ihr habt ja auch schließlich eine Bildungsfunktion! Sonst kriegt der Nachwuchs am Ende nur noch Mist zu hören..
Ja, aber vielleicht will der Nachwuchs auch gar nichts anderes mehr hören?

Das glaube ich nicht.
Da bin ich mir nicht so sicher.