Das Grauen in der Akademiestrasse

Das Grauen in der Akademiestrasse

Nach außen hin künden die ehrfurchtgebietenden Prachtgebäude der Kunstakademien in Düsseldorf, München oder Berlin vom Glanz vergangener Epochen. Wer jedoch den Fehler macht, sich nicht bloß an den schönen Fassaden zu erfreuen, sondern einzutreten, kann das ganze Elend des Kunstnachwuchses – stellvertretend für das Elend des Kunstbetriebes – vor sich ausgebreitet sehen.

C. A. Nikolaus

Insbesondere die berüchtigten Jahresausstellungen – auch “Rundgänge” genannt – bieten hier für gewöhnlich eine Masse an Schaumaterial (immerhin: Masse wird geboten), die ein unvoreingenommener Betrachter schwerlich in in vollem Umfang wird aufnehmen können, ohne Übelkeit empfinden zu müssen. Schier erdrückend ist die Menge an buchstäblichem Abfall, die hier herumsteht, liegt und hängt: meterhohe zusammengeschusterte Schrottgebilde, Ungetüme aus Sperr- und Haushaltsmüll, vollgeklatscht mit Vaseline, Tierknochen, Schamhaaren, Blut und sonstigem Tinnef, hier und da noch ein paar Fotos drangetackert, vorzugsweise Nacktaufnahmen des Künstlers. Aus den Ecken dröhnt, heult und pfeift es; was wäre die Gegenwartskunst ohne Lärm? – Ratter! Fiep! Gazong! – “Klanginstallationen”, in weiser Umsicht eingerichtet: wenn man dem Betrachter die Ruhe ließe, würde er am Ende noch einen klaren Gedanken fassen und erkennen können, was für ein Firlefanz es ist, den man ihm hier kredenzt. In den Malereiklassen bärtige Studenten, die mit gespielter Arroganz und glasigen Augen in schäbigen Polstermöbeln rauchend beisammenhocken, während ihre vermurksten Leinwände schief von den Wänden hängen und den Tag verfluchen, an dem sie gewebt worden sind. Unweigerlich stellt man sich die Frage, wie es diesen Studierenden überhaupt gelungen sein kann, an der Akademie aufgenommen zu werden? Angeblich sei das doch so schwer: Tausende Bewerber – und nur 20 oder 30 Auserlesene werden pro Semester zugelassen! Die Crème de la Crème der Begabten müsste es demnach sein, die sich hier produzieren darf. Doch dem ist augenscheinlich nicht so. Allenthalben scheint man nach der Devise zu handeln: Was hässlich ist, geht. Die Schönheit hat Hausverbot. – Ist doch klar: wir müssen der Welt den Spiegel vorhalten. Und die Welt ist nun mal mies und hässlich, oder? Schon recht, schon recht, aber ist das Kunst? Schlichte Gemüter begegnen der Frage, was Kunst denn nun sei, häufi g mit dem bewährten Spruch “Kunst kommt von Können”, was doch immerhin schon mal eine Antwort ist – vielleicht nicht ganz hinlänglich, aber begreifbar.
Stellt man einem “Fachmann” dieselbe Frage, bekommt man normalerweise nur nichtssagendes, relativistisches Geschwafel zu hören. Kunst könnte demnach alles Mögliche sein, entsprechend stellt sie sich in der schillernden Bandbreite all ihrer heutigen Gattungen schließlich auch dar. So begegnet der aufgeschlossene Kulturmensch bei Besuchen zeitgenössisch orientierter Ausstellungsorte immer häufiger Erzeugnissen, die nach traditioneller Auffassung nicht im Geringsten etwas mit Kunst zu tun haben. Allein der Umstand, dass sie sich im entsprechenden Kontext – beispielsweise einem Museum – befinden, verleiht ihnen die Daseinsberechtigung. Über dem Ungeist thront als Stammvater Marcel Duchamp auf seinem berühmten Pissbecken. Es ist dies auch der Geist, der die künstlerische Ausbildung bis heute fest im Griff hat. Den “Muff von 1000 Jahren” haben sie einst aus den Akademien gefegt – leider mit ihm auch die letzten verbliebenen Musen. Die verzopften Strukturen hingegen sind geblieben – darin verbreiten nun die Rebellen von gestern als unkündbare Professoren ihren ureigenen Mief. Der hat zwar keine 1000 Jahre auf dem Buckel, stinkt aber um so erbärmlicher gen Himmel, weil jeglicher Genius ihm ferne steht. So erklärt sich auch das Unwesen an jenen Hochschulen, die einst der Schönheit und Wahrheit geweiht worden sind: Die dort Lehrenden selbst sind zum größten Teil allenfalls mittelmäßige Künstler, und Mittelmäßigkeit kann es nicht ertragen, wenn Großes neben ihr ersteht. Drum züchten sie kleine Geister und Epigonen; bestärken die Studenten darin, ihre einfältigsten Anwandlungen in jahrelanger Monotonie zu einem stupiden Oeuvre auszubauen – wofür diese wiederum mit Preisen und Stipendien überhäuft werden, später vielleicht sogar selbst einmal an der Kunstakademie unterrichten dürfen, zur Belohnung dafür, nie über ihre Professoren hinausgekommen zu sein. So setzt sich die Abwärtsspirale fort, – bis eines Tages die ehrwürdigen Gemäuer dem Treiben in ihren Eingeweiden schlicht nicht länger werden standhalten können und in sich zusammenstürzen. Über den Trümmern wird es dann in Leuchtschrift stehen: ERUDIENDAE ARTIBUS IUVENTUTI