Der Drogenkrieg der CIA

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Der Drogenkrieg der CIA

Die CIA kämpft nicht gegen Drogen, sondern mit Drogen gegen ihre Gegner.
93 Prozent aller Herointoten weltweit gehen auf ihr Konto

Jürgen Apitzsch

Im Jahre 2000 tat Mullah Mohammed Omar etwas Vernünftiges. Er verbot den Mohnanbau in dem von ihm regierten Afghanistan so gut wie vollständig. Niemand hatte mit einem solchen Schritt gerechnet, doch Mullah Omar war schwer zu durchschauen. Seit dem Verlust seines rechten Auges im Krieg gegen die russische Besatzungsmacht pflegte der Talibanchef sich zusehends vom öffentlichen Parkett zurückzuziehen. Persönliche Auslandskontakte hatte er allenfalls noch zu Osama Bin Laden gepflegt, dessen Tochter seine Frau wurde. Ein hagerer, scheuer Mann Mitte fünfzig, mit angegrautem Vollbart und einem verschlossenen, trotzig wirkenden Zug um die Mundwinkel. Wortkarg, ungesellig und zutiefst religiös. In einer der typischen, nahe der afghanisch- pakistanischen Grenze gelegenen Madrassen, wie die dortigen Koranschulen heißen, hatte der Mullah den Koran studiert und später eine eigene Schule eröffnet, die bis heute existiert. Als Anführer der Taliban trug er den Titel Amir al-Mu’minin, was soviel heißt wie ‘Führer der Gläubigen’. Harte Drogen wie Heroin waren mit seinem religiösen Weltbild unvereinbar, also handelte Omar. Das Verbot sollte nicht lange halten.


Nur drei Wochen, nachdem die Twin Towers und WTC 7 zu Staub zerfallen waren, rückten in den frühen Morgenstunden des 07. Oktobers 2001 amerikanische, britische und kanadische Truppen gegen die militärisch hoffnungslos unterlegene Taliban vor. Mit der Operation ‘Enduring Freedom’, die dem afghanischen Volk alles andere als dauerhafte Freiheit bringen sollte, rückten zugleich zahlreiche Geheimdienstexperten der CIA in das unterworfene Land vor. Ihr Auftrag: Die Unterwanderung und das Auskundschaften des afghanischen Widerstandes, der gezwungenermaßen die Rolle einer Guerilla angenommen hatte. Ein „asymetrischer Krieg“ gegen einen unsichtbaren Gegner aus dem Hinterhalt hatte die US- Army schon einmal den Hals gekostet, damals in Vietnam. Dem galt es diesmal vorzubeugen. Punkt zwei auf der Agenda des Pentagon, so enthüllen es eine Reihe von Investigativartikeln und Insiderberichten, war die Wiederbelebung des Opiumanbaus, der über schwarze Kassen die kostspieligen Kriege der USA finanzieren sollte. Seither hat sich das Gesicht des internationalen Drogenmarktes erheblich verändert.
Als George Tenet am 03. Juni 204 seinen Rücktritt einreichte, schien er äußerlich gelassen, gab private Gründe für seine Entscheidung an. Innerlich jedoch kochte der ExCIA-Cef. Den Grund für die Empörung gab er erst drei Jahre später am 29. April 2007 in einem CBS- Fernsehinterview bekannt. Seine Vorwürfe gegen das Weiße Haus wogen schwer: Die vielen Berichte über Massenvernichtungwaffen im Irak hatten sich als faustdicke Lüge entpuppt. Im Vorfeld des Wüstensturms, so Tenet, sei er noch von ihrer Echtheit überzeugt gewesen, hatte sie sogar dem Präsidenten persönlich präsentiert. Als dieser ihn fragte, ob dies alles an Beweisen sei, hatte er geantwortet: „It’s a slam dunk.“ Ein Begriff aus dem Basketball, wenn der Ball aus dem Sprung von oben in den Korb gepfeffert wird. Ein todsichere Sache also. Diese Äußerung von ihm, völlig aus deren Zusammenhang gerissen, hatte Bush benutzt, um einen ungerechtfertigten Krieg gegen den Irak anzuzetteln. Als der Schwindel dann so endgültig aufgeflog, dass sich sogar der amtierende Verteidigungsminister Colin Powell vor aller Öffentlichkeit zu einer Entschuldigung genötigt sah, liess das Weiße Haus ihn fallen lassen. Tenet ist eigentlich alles andere als zimperlich. In den sieben Jahren seiner Amtszeit als CIA- Direktor hatte er selbst an einigen schmutzigen Kampagnen mitgewirkt. Seine eigenen Leute nannten die CIA spöttisch ‘Criminal Inventions Agency’, ein weiterer Name lautete ‘Cocain Import Agency’. Brother George, wie George W. Bush seinen Mann fürs Grobe rief, hatte sich eingerichtet in seinem Leben und gemeinsam mit seiner Frau Stephanie einen Sohn großgezogen, dem er die buschigen Augenbrauen und das markantes Kinn, Zeugen seiner griechisch- albanischen Abstammung, vererbthatte. Nun war er zum ersten mal besorgt um ihn und das aus gutem Grund, denn der Grund war er selbst. Er war es gewesen, der seine Agenten in Afghanistan damit beauftragt hatte, gemeinsam mit den Soldaten für den Schutz der Mohnfelder zu sorgen und die Anbauflächen zu erweitern. Diese waren ihrem Auftrag nachgekommen und hatten die Feldflächen bis 2007 bereits von 7.500 Hektar auf 193.000 Hektar vergrößert. Seither hatte sich die Produktion von Opium, die unter den Taliban fast vollständig zum Erliegen gekommen war, von 185 Tonnen im Jahr auf jährliche 8500 Tonnen mehr als vervierzigfacht. Dabei gelangten offenbar großen Mengen Dünger zum Einsatz,

denn die gesamten Anbauflächen hatten sich im selben Zeitraum lediglich verzwanzigfacht. Der Ertrag pro Mohnfeld musste sich also seit der Intervention verdoppelt haben. Das Geschäft war riesig. Während die afghanischen Bauern sich mit 300 Weiter Seite 6 Dollar pro Kilogramm begnügten, kassierten die Großhändler dafür bereits 10.000 Dollar. Der jährliche Reingewinn lag bei mehr als einer Billion Dollar. Wie gesagt, ein lohnendes Geschäft. Um das Rohopium zu verarbeiten, wurden in Afghanistan Dutzende von Heroinfabriken errichtet. Ganze Wagenkolonnen transportierten das wertvolle Gut anschließend in Geländefahrzeugen und unter strikter Bewachung der US- Army über Usbekistan gen Westen. Seither steckte vor allem Russland in Schwierigkeiten. Da das Heroin durch löchrige Grenzen von Usbekistan auch in großen Mengen über Kasachstan auf den russischen Markt gelangte, schnellten dort die Todeszahlen der Rauschgiftsüchtigen sprunghaft in die Höhe. Seit 2001 soll Russland mehr als eine Million Drogentote zu beklagen haben. Im Dezember 2010 sprach der Direktor der russischen Drogenkontrollbehörde Victor Iwanow von einer „apokalyptischen Dimension.“ Jährlich werden durchschnittlich fünf Millionen Menschen in Russland, wenn noch nicht tot, so doch heroinabhängig. Was enorme soziale und gesellschaftliche Probleme nach sich zieht. Iwanow hat daher von der NATO wiederholt die Vernichtung der Drogenfelder gefordert. Ohne dass es zu Ergebnissen kam.
Viktor Iwanow ist selbst kein Unschuldslamm. Der streng blickende Mittsechziger mit dem weissgrauen Oberlippenbart und den dunklen, vollen Augenbrauen, ist wie Tenet ein Mann des Geheimdienstes. Wie er hat auch der KGB-Mann einen Sohn großgezogen. Wie bei seinem amerikanischen Gegenspieler mag dieser Umstand auch bei ihm einen Restbestand von Verantwortungsbewusstsein hinterlassen haben.
Ein menschlicher Zug, den vielen Kollegen allein machiavellistisch einsetzen. So hatte die Antwort von Seiten der CIA- Administration auf die russischen Beschwerben geheißen, „Wir haben Verständnis für Ihre Sorgen, müssen jedoch auch an die afghanischen Bauern denken, deren Lebensunterhalt sich nun einmal aus dem Betrieb der Mohnfelder speist.“ Richard Holbrook, US- Spitzendiplomaten mit engen Geheimdienstverbindungen, legte nach: „Unser Interesse richtet sich nicht auf die Mohnfelder, sondern auf die Taliban.“
Gibt es im Pentagon eine Agenda „Geldwäsche Plus“ (Schwächung Russlands), dann geht diese nicht ohne schwere Nebenwirkung für die Verursacherseite aus: Denn das am Hindukush produzierte Heroin findet vermehrt seinen Weg über den Pazifik nach Amerika. Gab es in den Staaten im Jahr 2000 noch 17.000 Drogentote, so war die Zahl 2008 bereits auf 36.450 Fälle angestiegen. Seither klettert sie ständig weiter nach oben. 1,2 Millionen vergebliche Notaufnahmen durch Drogenmissbrauch waren allein im Jahr 2009 registriert worden. Die Patienten starben einen qualvollen Tod. Gegenüber dem Jahr 2004 eine Steigerung von 100 Prozent. Eine weitere Million Süchtiger hatte 2009 mehr Glück und verliess die Notaufnahme lebend.
Als der berüchtigte Mafiaboss John Gotti einst bei einer Gerichtsverhandlung direkt gefragt wurde, ob er am Rauschgifthandel beteiligt sei, antwortete er wahrheitsgemäß: „Nein, wir können nicht mit der Regierung konkurrieren”.