Es war einmal… im wilden Osten

Es war einmal… im wilden Osten

“Berlin ist dreckig und stinkt nach Hundescheisse!” Mit diesen Worten riet mir vor vielen Jahren ein Freund von dem Vorhaben, aus der westfälischen Provinz in die deutsche Hauptstadt überzusiedeln, ab. Er musste es wissen, da er selbst zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren in Berlin lebte. Ich zog dennoch hin.

C.A. Nikolaus 

Mit der Hundescheisse, das stellte sich unmittelbar nach dem Einzug heraus, sollte er recht behalten. In den ersten Wochen tat ich kaum einen Gang in meinem neuen Friedrichshainer Kiez, ohne dabei wenigstens eine sogenannte Tretmine mitzunehmen. Mit der Zeit gewöhnte ich mir an, den Blick aufs Pflaster zu richten. Nun, da ich es selbst tat, wusste ich auch, warum so viele Berliner beständig mit hängenden Köpfen durch die Gegend schlichen.

Ochsenblut und Schimmelpilz
Von meiner neuen Wohnung war ich begeistert: Hohe Decken, knarzende, mit Ochsenblut gestrichene Dielen, ein bißchen Schimmel und ausgesprochen viel Platz, der danach verlangte, mit Gerümpel vollgestellt zu werden. Hier konnte man sich also selbst verwirklichen.
Jeden Sonntag war der Gang zum Flohmarkt angesagt, den ich – gewöhnlich verkatert, dies gehörte zum guten Ton – mit ein oder zwei Freunden absolvierte. Nachdem der erworbene Trödel heimgeschafft worden war, brachten wir den Rest des Nachmittags standesgemäß mit diversen Bieren auf der Bank vor unserem Stamm-Spätkauf zu und lästerten über die Bekloppten, die an uns vorüberlatschten.

Ein illustres Klientel war es, das sich hier am Boxhagener Platz, dem Herzen des Szenebezirks Friedrichshain, ein Stelldichein gab: Studenten, “Künstler”, Linksaktivisten, Punks, Säufer, Verrückte. Viele davon waren alles auf einmal. Einer meiner Freunde machte die Feststellung, in Berlin müsse man “fertig” aussehen, wenn man dazugehören wolle. Nun hatten wir etwas, woran wir arbeiten konnten.

DJs und Frührentner
Ab und zu, es liess sich nicht vermeiden, musste man in einen der anderen Szenebezirke fahren, weil dort eine Party oder “Vernissage” besucht sein wollte. In ihrem Ablauf unterschieden sich diese Events für uns nicht wesentlich von den Nachmittagen am Boxhagener Platz: man hing herum und soff.
Im Stadtteil Mitte, das war zu beobachten, gab es weniger Punks und Hundedreck, dafür waren die Leute stylisher gekleidet und machten “auf Business”, wofür sie von uns Friedrichshainern aufs Nachdrücklichste belästert wurden.

Die weltberühmte Club-Kultur: Eine Zeit lang lief ich treu mit, von einem angesagten Laden zum nächsten und war froh, dass ich Freunde hatte, die immer genau Bescheid wussten, welcher “wichtige” DJ gerade wo auflegte.In Wirklichkeit begriff ich nie, welches Geheimnis sich hinter dieser um sich selbst kreisenden Szene verbarg und die Leute veranlasste, ein solches Gewese darüber zu machen. Von immer mehr Leuten hörte man, dass diese nun ebenfalls “auflegten”, womit sie in ihren Kreisen allerhöchstes Ansehen erwarben: das DJ-tum verlieh dem Nimbus eines “Kreativen” – Künstler, Musiker, Blogger oder Schauspieler – erst die vollständige Weihe.

Die Zügel des Studiums hingegen hatten im Lauf der Jahre die meisten meiner Bekannten abgeworfen und waren zur höchstmöglichen Freiheit durchgestoßen: Dem Bezug von Hartz 4. Geäußerten moralischen Bedenken gegen die dauerhafte Inanspruchnahme von Sozialleistungen wurde von langjährigen “Arge-Kunden” mit sozialpolitsch fundierten Argumenten aufs vehementeste entgegengetreten. Regelrechte Beweisführungen wurden hier abgeliefert, die darauf hinausliefen, dass der Staat in der Pflicht sei, den gesellschaf lich treibenden Kräften – also den DJs, Künstlern, Musikern, Bloggern und Schauspielern – ein Auskommen zu sichern, und zwar im Sinne der Allgemeinheit! Einige große Könner gab es unter den “Kunden”, die so weit gereift waren, dass sie selbst den Schild der Kreativität zur inneren Rechtfertigung nicht mehr benötigten: sie bezeichneten sich schlicht als Frührentner und damit hatte es sich.

 

Im Club der Visionäre
Zusehends verschwanden aber in unserem Bezirk die malerisch rußgeschwärzten Fassaden mit ihrem zerbröckelnden Stuck unter Baugerüsten und kamen Monate später in billigen Bonbonfarben und vom Stuck befreit, dafür mit “verspielten” Balkongittern und Plastikfensterrahmen versehen, wieder zum Vorschein.

Die ersten meiner Bekannten zogen fort aus Friedrichshain: dort könne man nun nicht mehr leben, es sei uncool geworden.
Manche gingen nach Kreuzberg, hartgesottene Visionäre sogar nach Neukölln: Gerüchte machten die Runde, dass dort der nächste große, angesagte Szenebezirk erstehen sollte: dieser Blüte beizuwohnen, als Mensch der ersten Stunde – wie geil wäre das denn!
Nachts in der U-Bahn gab’s dann für die Menschen der ersten Stunde hin und wieder von ortsansässigen “Minderheiten” zur Begrüßung ein paar auf’s Maul.

Ich blieb hocken in meiner muffigen, mit Gerümpel vollgestellten Bude und beschmierte Leinwände mit Ölfarbe, während sich der Schwamm durch die Mauern frass und der junge Edelpunker in der WG unter mir wacker auf sein Schlagzeug eindrosch.Gelegentlich schlich ich mit meinem letzten verbliebenen Kiezkumpel um den “Boxi” und sah mir den Niedergang an:Dummstolze Mütter, die ihre quakenden Babies in überdimensionierten Kampfwägen wie eine Monstranz vor sich herschoben, sogenannte Spießbürger, die einer geregelten Arbeit nachgingen – “Bonzen” also, biedere Studi-Mäuschen mit bücherschweren Freitag-Taschen, Menschen mit Fahrradhelmen!

Meine Wohnung war mit den Jahren immer maroder geworden. Die Kälte zog durch sämtliche Ritzen, man heizte “für den alten Fritz”. Das Treppenhaus wurde nun fast täglich von sogenannten Berbern, die im gegenüberliegenden Obdachlosenwohnheim “Motz & Co” keinen Einlass mehr gefunden hatten, behaust und vollgeschissen.
Schließlich reichte es mir. Ich kaufte im Baumarkt eine Axt und zerlegte den gesamten Sperrmüll, den ich über die Jahre an all den besoffenen Sonntagen auf dem Flohmarkt zusammengetragen hatte. Das Zeug beim Umzug mitschleppen? Undenkbar. Das Kleinholz füllte vier Container.
Außer den Punks und den Pennern wohnte nun niemand mehr in dem abbruchreifen Kasten.

Sieben Jahre blieb ich in Berlin. Zuletzt bewohnte ich eine kleine Wohnung mit niedrigen Decken im alles andere als angesagten Süden von Pankow.
Viele meiner Freunde hatten sich zurückgezogen, waren “bürgerlich” geworden, oder liessen sich von zugezogenen Youngstern als schrullige Kiez-Originale belächeln. Manche aber, die Visionäre unter ihnen, hatten Berlin bereits den Rücken gekehrt.