Etwas Warmes braucht der Mensch – Shitstorm überm Wendler

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Etwas Warmes braucht der Mensch – Shitstorm überm Wendler

Ein schmutziges Wort ist in aller Munde. Auch Birgit Schrowange sagt es. In der Anmoderation eines Extra-Berichtes am 22.10. über Michael Wendler. Mehrfach. In ihrem unnachahmlichen “Hab-ich-das-wirklich-gerade-gesagt?”-Tonfall. “Shitstorm”.

LS

Die mediale Spiegelung der Hassergüsse gegen den Schlagersänger im Internet hatte folgende Vorgeschichte: In der RTL-Sendung „Christopher Posch – Ich kämpfe für Ihr Recht“ am Mittwoch, den 17.10., wurde der vor Gericht getragene Anspruch zweier ehemaliger Wendlerfans, Silvia und Nadine Simbeck, dokumentiert, die auf Mallorca ein Fancafé mit Wendlers Namen und diversen Devotionalien eröffnen wollten. Nach Abschluß eines Vorvertrages mit dem “König des Popschlagers” und einer damit verbundenen Zahlung von 40.000 Euro als Rate der Gesamtsumme von 100.000 Euro widersprach Wendler, so wurde es in der Sendung dargestellt, dem Wunsch der Damen auf Nutzung seines Namens, bestand aber angeblich weiterhin auf Zahlung des vereinbarten Betrages.

Derweil ballte sich im Netz auf der bereits während der Ausstrahlung gegründeten Facebook-Seite “100.000 Menschen, die Michael Wendler scheiße finden” eine Anti-Fangemeinde zusammen, die mühelos innerhalb von nur 19 Stunden die selbstgesetzte Marke nahm, und bis zur ihrer Stillegung sogar 280.000 “gefällt mir” bekam. Medienberichten zufolge realisierten die User dabei eine bislang ungekannte Zahl von 300 likes pro Minute. Und schaukelten sich mit ihrer Meinungsäußerung zu einem Kanon empor, der so gar nicht nach heiler Discofoxwelt klang. Bis zu wüsten Beschimpfungen und Morddrohungen reichten die wütenden Kommentare. Nach dem Herunterfahren der Site folgten weitere Hate-Seiten, zwar mit weniger Erfolg, aber immer noch umfangreicher geliked, als die treuherzig in die Welt gerufene Facebookgruppe: “Millionen Menschen, die Wendler toll finden”. Und welche bis Redaktionsschluß bisher nur ca. 400 gefällt-mir verzeichnen konnte. Und der shitstorm geht weiter.

Nun fragt man sich, wie es zu einer quantitativ aber auch qualitativ so einzigartig geäußerten Hasstirade gegen einen Schlagerinterpreten kommen konnte, den man als “normaler” Musikhörer doch eher geflissentlich ignorieren möchte. Allerdings hat der Wirbel um das soziale Phänomen mit poppigem Namen doch auch eine zeitlose Komponente und ist deshalb nicht zu übersehen. Und so wird der “Shitstorm” zumindest in Deutschland fortan untrennbar mit dem Namen Wendler in die Annalen eingehen.

Nun, man kommt leider wegen der Eigenart der Angelegenheit nicht um den Ausdruck herum, haftet Kacke nicht nur an profilierten Oberflächen, sondern eben auch an den ganz Glatten. Und auf die ganz Glatten wirft man lieber…Was hat der Wendler also, das ihn zu so einem beliebten Ziel für die schmutzigen Anfeindungen macht? Und was motiviert so viele User, sich dieser Kampagne anzuschließen? Ist es der Widerspruch, zwischen dem für viele nicht nachvollziehbaren Geschäftsgebaren und seinem geschmeidigen Auftreten? Immerhin schafft er es, auf allen Fotos, ganz unabhängig von seiner Körperhaltung sein Gesicht mit immergleichem Audruck frontal in die Kamera zu bringen. Fast schon unheimlich, trägt er am Ende eine Wendlermaske?

Oder steckt hinter allem ein kollektives Gerechtigkeits- empfinden und der Wunsch, die Selbsteinschätzung des Mannes, der von sich in der dritten Person spricht und behauptet, “Gott sei Wendler-Fan”, wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen? Und das nur einen Auslöser brauchte (sei dieser manipuliert, wie in einigen Foren behauptet wird, oder auch nicht), um sich zu entladen? Nun hat das Liken von Facebookgruppen auch immer eine demonstrative Komponente. Man profiliert sich mit einem kurzen Klick. Und gerade Antiseiten geben in dieser Hinsicht wesentlich mehr her. Ist es doch cooler, gegen etwas zu sein, als für etwas, auch wenn man sich durch ein Like ja wieder in die Rolle eines Fans begibt. Hinzu kommt, daß sich die Entladung der offen geäußerten Abneigung in den Kommentaren bald von der eigentlichen “Ursache” und dem Eindruck vieler User, daß der Mann dann doch eher geldgeil sei, weit entfernt hat.

Ist das “Netz” eine Bestie, ein vielzelliges Gesamtwesen oder eine leicht zu mobilisierende Masse, die fröhlich mitmarschiert, wenn wieder eine Sau durchs Dorf getrieben wird? Das kann einem schon Angst machen, zumal wenn es, der ein oder andere mag das belächeln, Menschen betrifft. So unsympathisch man sie auch finden mag. Mit der Wendler-Affaire hat man zumindest eine soziale Schallmauer im Netz durchbrochen, nach der es kein Zurück gibt. Wobei man sich nicht allzu leicht mitreißen lassen und einer ungenauen, “gebildeten Meinung” folgen sollte. Und wie beim Mobbing muß man sich immer fragen, ob es einen nicht jederzeit selber treffen kann. Und selbst wenn der Mann in den Augen Vieler keine Klasse haben mag, so haben es die meisten Kommentare auf den Hate-Seiten auch nicht. Auf jeden Fall ist es immer traurig, wenn der Einzelne, auch wenn ihm schon länger etwas auf der Seele brennt, erst die Gruppe braucht, um dann mit ihr übers Ziel zu schießen.

Letzlich egal scheint es mittlerweile zu sein, wieviel an den Vorwürfen gegen “die Faust des Schlagers” dran ist. In erster Instanz haben die beiden ehemaligen Wendlerfans Recht bekommen und ihren Anspruch auf Rückerstattung ihrer an den Schlagersänger geleistete Anzahlung durchsetzen können. Ein von Wendler initiiertes Berufungsverfahren steht im Raum. Und auf seiner Facebookseite läßt dieser verlautbaren, ER habe im “Fall Simbeck eine Entscheidung getroffen” und würde die “knallharten Fakten” dort baldigst verkünden. Unabhängig davon, wie die “windige” Angelegenheit ausgeht, wird es dem Wendler doch nutzen. So, wie es immer ist, hat auch die negative Öffentlichkeit seine Plattenverkäufe angekurbelt und seinen Namen aus den Stuhlkreisen in die Mainstreamöffentlichkeit gebracht. Und es dürfte interessant zu beobachten sein, inwieweit er gereift aus der Sache hervorgeht. Trotz allem werden wir in unseren Redaktionsräumen dann doch lieber “some guys have all the luck” hören, das für uns zwar sehr ähnlich klingt wie der Refrain des Wendler-Romantikknallers “Sie liebt den DJ”, wir aber wesentlich weniger Scheiße finden.