Ich kiff mich nach Haar

Ich kiff mich nach Haar

Zwischen Aufräumflashs, Fressattacken und Absturz

fee

Ich erinnere mich noch…morgens, viel zu früh, der Gong ertönt. Tiefrote Augen, breites Grinsen, bleich wie die Wand glotzte ich verwirrt hin und her. Der Stuhl fühlt sich heute aber komisch an und mein Mund ist so trocken. Warum sind meine Hände so weich? Sie sind ja so saaammtig ! “Heeey Martin, gib mal schnell die Nivea Creme und hast du was zu trinken?” Ich blicke in ein verblödetes, leeres Gesicht. Dieser Ausdruck, wie er mich anstarrt…; irgendwas zwischen Bugs Bunny und Jack Nicholson in Shining. Jaaa, genauso. Nach gefühlten drei Stunden: “WAAASSS??!!” Ich bekam natürlich nicht das, was ich brauchte, dafür aber einen dreiminütigen Lachanfall und eine Ermahnung mehr. In meinem Kopf herrschte ein ständiger Kampf zwischen Martins dummem Gesicht und der Vorstellung, wie ich meiner Lehrerin eine Ansatzfarbe auftrage. Ich hielt es einfach nicht mehr aus. Nun geh doch endlich mal zum Friseur und lass dir gleich einen Schwanz zwischen die Beine legen! Tut ihr bestimmt gut, dachte ich mir.Stattdessen tobte sie wieder wie Rumpelstilzchen laut am Lehrerpult, als wir anfingen uns gegenseitig Liebesbriefe zuzustecken. “….oh Fee, lass uns Hand in Hand, auf einer Wiese, barfuss, nackt durch den Morgentau tanzen….” Wie gefühlvoll, und das von dir Martin?! Ich war hin und weg und die schönsten Bilder flogen an meinen Augen vorbei. Doch in diesem schönen Moment, bemerkte ich die stichelnden Blicke unserer tollen Klassenkameraden und die Romantiknummer war vorbei, aber da; Oh Bernadett, du geiles eingebildetes Stück, du schaust zwar blöd, aber du willst mich doch, gib’s zu! Wir gehören zusammen, so wie Du und deine Hand, wenn sie so wundervoll durch deine Haare streicht. Na ja, ich bekam wieder mal nur ein Augenrollen, aber immerhin beachtete sie mich. Ich klopfte mir noch in Gedanken auf die Schulter.Denn wir wollten eh nur noch eins, ab in die große Pause. Dann hieß es, schnell zum Schulkiosk und ne Erdbeermilch holen. Die schmeckte dann nämlich unglaublich, als hätte man vorher drei Monate auf Holz rumgekaut.……………

Wir waren jung, wir waren geil, wir waren dumm; es war die achte Klasse Realschule.


Wie es anfängt

Wenn man seinen ersten Joint raucht, zum ersten mal an einer Bong zieht, ist man oftmals gerade mal 12 bis 14 Jahre alt. Ganz klar, ein cooler Teenager schaut sich mindestens einmal “Kids” an. Nach dem Film checkst du erstmal, was Aids für eine große Scheisse ist und zweitens: du willst kiffen und skaten, oder dir zumindest die Frisur von Casper zulegen, nee, nicht die von dem kleinen Geist! Keine Anleitung zum Bau eines Philly Blunt – eine mit Marihuana gefüllte Zigarre – ist je so schön in einem Streifen verfilmt worden, wie in Kids.Und dann findest du dich morgens auf einmal vor der Schule unter einer Brücke deinen ersten Topf ziehen. Überhaupt nicht verwunderlich, auch gleich in der großen Pause mit’m Johnny rumstehen. Manche werden jetzt schockiert schauen, aber so ist es, das ist die Realität. Heutzutage macht man doch alles früher, die einen vögeln mit 13 und machen ein Baby, andere kiffen, saufen, klauen oder kriegen mit 12 ein Smart-Phone. In unserer Clique gab’s einen Zehnjährigen, der sich mit uns weggeballert hat, sogar sein kleiner Bruder der acht war, durfte mal ziehen. Natürlich, was für ein Scheiss, aber was will man denn schon als Jugendlicher in einem kleinen spießigen Dorf machen? Für die Stadt kann ich nicht reden, doch bin ich mir sicher, dass es da mehr Freizeitangebote gab, als den ganzen Tag auf dem Dorfplatz den Boden voll zu rotzen. Nach der Schule hieß es: schnell die Hausaufgaben niederschmieren, raus, mit seinen Freunden treffen und möglichst schnell was zu Kiffen besorgen. Wenn wir was hatten, war alles ok, dann konnten wir endlich Scheisse bauen.

Warum so abgefuckt? Worin liegt der Reiz?

Es ist was anderes als wie beim Alkohol, der in Massen überall zu haben ist. Kiffen kann man nicht immer, außer man hat einen guten Dealer als Freund oder viel Kohle. Also ein Aspekt ist sicherlich der “Verboten-Faktor”.Aber ansonsten, worin besteht noch der Reiz? Man kennt es selber: man ist auf ner Party und auf einmal packt jemand was aus. Alle glotzen sofort gierig hin und wollen unbedingt mal ziehen. “Uiiih, schau mal rüber, da hat jemand was zu rauchen. Lass uns mal gleich hingehen!” Der Joint sieht schon so lecker, schön aus, er ist der König der Stengel. Der Geruch und auch das Knistern, wenn man ihn das erste Mal anmacht. Die Flammen (Feuer fangen und) das Papier am Rand, wie auf einer alten Schatzkarte zum Glühen bringen. Ein ähnliches Gefühl, wie wenn Heiligabend alle vier Kerzen am Adventskranz leuchten, oder wie ein brodelnder Vulkan, kurz bevor er seine erste heisse Glut ausspeit. Es ist schon fast ein magisches Ritual, wenn man so eng mit Leuten zusammen sitzt und sich den “Friedensdübel” reicht. Ein Gemeinschaftsgefühl entsteht, das irgendwie stark und wunderschön ist, weil man was zusammen teilt. Und manche fragen sich bestimmt, warum denn Myrrhe eine der Gaben war? Ein ganz spezieller, charismatischer und für viele leckerer Geruch schwebt durch die Luft. Und dann willst du ziehen und du tust es auch…

Im Zustand des Rausches

Schon nach ein paar Minuten gewinnt alles an Intensität, man denkt an unglaublich viele Dinge und es scheint fast so, als könnte man kinderleicht alle kniffligen Probleme lösen. “Wieso bin ich denn da noch nicht früher drauf gekommen? Es ist doch alles sonnenklar!” Die einen verwickeln sich in stundenlange Monologe, aus denen sie schwer wieder rauskommen, denn alles, was der andere sagt, wirkt einehmend und fesselnd. Man kann gar nicht seicht bleiben, auch wenn man gerne aus diesem schweren Gefühl entfliehen möchte. Jedes Wort, das du über die Lippen bringst, fällt scheinbar sssssssssccccchhhhchwwwwwwwwer aaaaaaaaaauuuuuuussssssss dddddddeeeeeeeiiiiinnnneeeemmmmm Muuuuunnnnuuuuunddddddd. Du schaust in den Spiegel und dein Gesicht wirkt auf dich, wie das eines Fremden. So eigenartig, wunderschön und auch manchmal unbegreiflich hässlich. Was für eine komische Nase, Ohren oder Haare hab ich denn und was ist denn da für ein komischer Schatten, oh nein, oh nein!!! Als hässliche Echse mit leuchtenden, gelben Augen, langem wackelnden Schwanz oder wundervolle Elfe mit purpurfeiner Haut schmiedest du die großartigsten Pläne, konstruierst tiefschürfende neue Gedankengänge. Als Künstler schreibst du Beethovens Neunte, oder pinselst mit leichtem Schwung wie Claude Monet das Licht ins Dunkel. Zumindest denkst du das! Neben der geistigen Bewusstseinsveränderung gibt es ja auch noch die körperlichen Basics, die hinzukommen. Jeder der schonmal gekifft hat, kennt die klassischen Varianten und Gestalten im Rausch. Da gibt es einmal den Lachanfall, den Fressflash, den berüchtigten Aufräumflash, den typisch trockenen Mund, das gesteigerte Sexualempfinden (oh, ist mein Schwanz aber hart). Du findest den schweigenden Typ in der Ecke, den nervenden ohne Punkt und Komma labernden Groß-Philosophen, den komplett Hängengebliebenden Druffi (der nicht mehr rausbringt, als: eeeeyyyyyyhhhhhh, was geht denn mit dir ab, bist du’n Kapitalist oder was?), den Klischee Münchner mit Rosa Hemd und Clarks (bei dem man sich wundert, wieso der kifft und nicht kokst),

den Gangster, zu dem Gras einfach nicht passt und bei dem es sogar gefährlich aussieht, den Öko-Hippie der nur kifft, weil Gras keine Zusatzstoffe enthält (er riecht mit Sägespänen gestrecktes Gras aus 100 Metern Entfernung. Durch den Verzicht auf Salz und Pfeffer ist seine Nase so fein, dass das Trüffelschwein wegen ihm zum Arbeitsamt muss).

Die verlogene Muse und der friedliche Geist

Du entwickelst grenzenlose Kreativität und dein Kosmos dehnt sich unergründlich aus. Wie schön, werden sich jetzt viele denken; da hol ich mir doch gleich einen Beutel Gras, male mal eben einen Picasso und werde reich. Ja, wenn da nicht ein großer Haken wäre! Denn diese künstlich hergestellte “Inspiration”, ist leider flüchtig, temporär und unerfassbar. Man kann sie nicht “festhalten”, denn sie ist nicht aus dir selber geschöpft, sondern aus der Droge THC im Gehirn. Eine wunderbare, gelungene Fälschung sozusagen. Sollten diese Momente im Rausch dennoch Großes hervorbringen, was äußerst selten der Fall sein dürfte, wäre dies vom Zufall bestimmt, nicht wiederholbar und einmalig. Denn nächsten Morgen wachst du auf und siehst, hörst, was du da für eine Scheisse zusammengemalt, komponiert, oder geschustert hast. Und jetzt kommt der Gedanke an den letzten Abend, an dem du dachtest, du hast es, du hast endlich deinen Durchbruch. Ab morgen beginnt für mich ein neues Leben, meine große Karriere! Und jetzt schämst du dich für dich selbst. Neben der kreativen Illusion, gibt es natürlich auch positive Eigenschaften, jeder kennt sie, jeder Kiffer schwört auf sie und rechtfertigt deswegen seine Sucht: THC schenkt Frieden, schafft eine bessere Welt, mit weniger Aggression und mehr Nächstenliebe.

Es macht einen entspannter, lockerer und auch lustiger (beim letzteren denkt man das eher). Vielleicht sollten manche einfach aufhören, gleichzeitig Counter Strike zu zocken.

Du kiffst zu viel?

Ich kiff auch gern mal einen. Ab und zu ist es wunderbar, aber müssen wir uns deswegen gleich ne Monsterbong kaufen und uns so stark darauf fixieren, als würde es um uns herum nichts mehr anderes geben? Wenn du es übertreibst, macht es dich müde, vernebelt deinen Versand, macht dich antriebslos, leichter reizbar, gleichgültiger, deprimierter, verschlossener und vor allem zu einem anderen Wesen, das du nicht mehr bist. Du heißt zwar noch Franz Schwanz, bist es aber nicht mehr. Du bist nicht der, den deine Mum auf die Welt gebracht hat. Du bist ein Zombie, blind, unüberlegt und süchtig nach mehr.

Schau dir die ganzen Hängengebliebenen an. Ich kenne Leute, die nach Haar in die Klapse mussten, weil nichts mehr aus ihnen raus kam, außer: “Ja…nein, ja….nein”. Dann gibt es Leute, die nicht mehr merken, wie sie eigentlich auf andere wirken. Die unermüdlich auf einen einreden und dich volllabern. Weil sie nicht mehr bei sich sind. Will ich so sein, nur wegen ein paar beschissener Lachflahs mehr?

Himmel und Hölle

Ich erinnere mich wieder an was…Den herrlichsten Sommertag, den du dir vorstellen kannst, du musst dich einfach gut fühlen. Wir liegen alle da, auf ‘ner Wiese, wie sie sich Heidi nicht schöner erträumt hätte. Du riechst den Löwenzahnsaft, der an deinen Fingern klebt. Dein Mund ist trocken, wie mit Honig zugeschnürt und dein Herz klopft immer schneller, als ihr Arm deinen streicht. Deine Hände werden feuchter, fangen an zu zittern. Ihr liegt euch jetzt nahe, du und das Mädchen aus der neuen Clique. Und jetzt macht sie endlich die Bewegung, auf die du schon so lange hoffst. Ihr Kopf kippt zur Seite, ihre Haare fallen in dein Gesicht, ihr schaut euch an und zögert noch. Schaut beide schnell woanders hin und dann noch mal ein Versuch. Und endlich berührt ihr euch. Haltet eure feuchten Hände fest und beisst auf eure klebrigen Lippen. Zum ersten mal schmeckt ihr euch und seid im Himmel.
Als ihr euch dann wieder aufsetzt, willst Du keine verlegene, komische Situation. Schnell befeuchtest du deinen Honig-Mund und greifst nervös nach der Bong. Ziehst so kräftig an, das könnte Benjamin Blümchen nicht besser. Der weiße Rauch steigt langsam immer weiter hoch, wie das Warten in einem Fahrstuhl, es muss sein, man kann aber nicht abwarten bis die Tür aufgeht. Du denkst noch kurz, dass es ein bisschen viel Rauch ist. Trotzdem, du hast jetzt hier ‘ne Aufgabe zu erfüllen: Schau’ her, einen Besseren als mich kriegst du nicht, Baby!Neue Clique, also sei kein Weichei und zieh’ weiter! Die Bong, die wegen ihrer Größe, fast als achtes Weltwunder in die Geschichtsbücher eigegangen wäre, ist jetzt voll mit weißem, dickem Nebel. Immer wieder blinzelst du nach oben, wie denn die anderen jetzt auf dich schauen. Ihre Blicke sind irgendwie verschreckt, sagen viel; der haut aber rein, was für ein Druffi. Scheisse, aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. Oder Absetzen? Ein Kerl, der sich als Muschi erweist, nein, ist leider nich!  Egal, scheiss drauf, lass den Daumen endlich los!


Fuppppp und der ganze Rauch zieht von deinem Mund an abwärts, bis auch in die letzten Lungenbläschen. Fuck, denkst du, als du merkst, es war zu viel.Auf einmal dreht sich alles, musst schneller atmen, schnappst nach Luft. Du legst dich wieder in die Wiese, aber anstatt für das hübsche Mädchen neben dir hast du nur noch den Blick für Oben. Der Himmel dreht sich und du bist wie gelähmt. Das Geäst ist jetzt dein letzter Halt, um nicht gleich aus dieser Welt zu fallen. Du musst dich zusammenreißen, bitte Körper, mache mit!Deine Hände fangen wieder an zu zittern, nur diesmal ist dir richtig, richtig schlecht. Außenrum die Stimmen und Gesichter. Du spürst, du hast was verbockt, den wunderschönen Moment in einen Alptraum verwandelt. Deine Sicht wird immer schmaler und außenrum ist alles dumpf, du schwimmst beinahe weg, so sanft liegst du da. Eine große Angst fährt in dich, “Ich komm hier nicht mehr raus, ich habe Riesenschiss”. Du willst nur liegen bleiben, dich nicht bewegen, aber dich greifen harte Hände, helfen dir hoch und tragen dich davon. Der Boden bewegt sich von dir weg: “Bitte lasst mich doch liegen!”

Wie einen räudigen Köter, denn du spürst eh’ gar nichts mehr, außer dem Gefühl unermesslicher Scham. Du könntest in den Boden versinken und du tust es beinahe auch. Und jetzt schiebst du einen Film: Das Licht wird auf einmal so hell und grell, als hättest du Tage kein Sonnenlicht gesehen. Du musst deine Augen zusammenkneifen und plötzlich spürst du einen kalten Hauch auf dem Gesicht, eine dunkle Gestalt steht vor dir. Du erahnst das bleiche, knittrige Gesicht. Ein pechschwarzer Tropfen fällt aus seinen leeren, weiß schimmerenden Augenhöhlen empor, du verfolgst ihn. Er schwebt langsam zu dir, auf ein kleines, weißes Stück Papier. Er trifft auf den Namen, der da steht. Es ist deiner. Mit einem lauten Donnerknall spritzt rote Farbe über das rissige Papier. An etwas Kaltem hält deine Hand jetzt fest, schwarze Tinte tropft schon auf das Papier und du bist dabei zu unterschreiben, dich zu verabschieden.” Doch scheiss drauf, du kriegst mich nicht, du Penner!”Irgendwann wachst du wieder auf. Du gehst ins Bad und eine Mumie steht vor dir: Blass, fahl, abgefuckt, dein Spiegelbild. Du machst dein Fenster auf, um frische Luft zu schnappen und draussen zwitschern noch die Vögel.