One Model Nation & Courtney Taylor Exklusiv Interview

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One Model Nation & Courtney Taylor Exklusiv Interview

you didn’t create the revolution. maybe you just dress like it.

LS

Was passiert, wenn ein amerikanischer Rockstar eine Comic-Novelle mit politischem Background schreibt? Es entsteht Kunst.

Courtney Taylor, Kopf der amerikanischen psychedelischen Rocker “The Dandy Warhols”, wagte sich 2009 an ein länger gehegtes Projekt. Er veröffentlichte seine Novelle “One Model Nation”, graphisch als Comic umgesetzt durch Jim Rugg. 2012 erschien sie in neuer Form bei Titan Books.

One Model Nation dreht sich um eine gleichnamige, fiktive Band der späten 70er in Deutschland, die sich plötzlich in die Nähe der Baader- Meinhof-Szene gerückt findet und nach deren Verhaftung plötzlich verschwindet. Das Ganze in eine Zeitklammer gesetzt, welche die Rahmenhandlung eines späteren Jetzt schafft.

Ohne Respekt vor den heiligen Kühen der Geschichte, zieht Taylor dabei mit leichter Hand die echten und die fiktiven Ereignisse ganz nach den Regeln der griechischen Tragödie zeitlich, räumlich und inhaltlich zusammen. So wird schonmal ein Geschichtsereignis, wie die Befreiung Baaders aus dem Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen in Berlin, ein paar Jahre in die Zukunft verlegt. Und auf einem Geheimgig in der damaligen DDR findet man One Model Nation auf derselben Bühne, wie die Comic-Archetypen von Klaus Nomi und Nina Hagen. Und fast mit Can, die aber nicht konnten.

Überhaupt beweisen Taylor/Rugg einen feinen Humor, wenn es um Details geht: So ist Platz für eine brillante Darstellung eines, auf seinen Vorteil bedachten, David Bowie. Der Name einer skrupellosen Tageszeitung lautet “The Springer Press”. Und stilvoll wird Deutschland im Dauerregen dargestellt, grau, grau und rot.

Die Story katapultiert den Leser in ein Szenario aus geheimen Konzerten in abgefuckten Locations, rasanten Verfolgungen durch die Obrigkeit und viel Krautrock. Und in dem Ganzen schwingt ein untergründiges Brodeln mit, eine Unruhe, die man spürt, bevor mit einem großen Knall etwas Neues, alles Veränderndes stattfindet. Und dem man nur noch mit offenem Mund zuschauen kann, weil es, egal wie, passieren wird. Somit ist auch nicht die RAF der Trigger in diesem Druckkessel. Eigentlich ist es die Band selbst, in der die Bewegung hin zu einer neuen Generation von Musik und Lebensgefühl zu spüren ist. Und nicht zufällig erinnern OMN stark an Kraftwerk. Insgesamt schaffen Taylor und Rugg es, Charaktere und Ereignisse mit wenig Mitteln stilsicher zum Leben zu erwecken. Oft hat man das Gefühl, es bliebe bewusst Raum für eine Fortsetzung.
Die nur auf den ersten Blick unkomplizierte Art, mit der an das Thema inhaltlich und ästhetisch herangegangen wird, eröffnet nicht nur eine neue Sichtweise, sondern erzeugt eine eigene Geschichte, die für sich selbst besteht. Verzichtet auf die langweilige Schwere einer, um dokumentarische Richtigkeit bemühten, Genauigkeit. Wer geschichtliche Aufarbeitung sucht, ist hier falsch.

Wer sich in eine wilde, spannende Story mit der richtigen Portion Rock ‘n Roll-Herzklopfen und einem Hauch darkness hineinziehen lassen möchte, richtig. So legt man das Buch auch nicht weg, bis man es durchhat. Und es bleibt ein dunkles, unbeantwortetes, aber antreibendes Grundgefühl. Das man mitnimmt. Sehr cool.

Das Interview

LS

Woher kommt Dein Interesse an der deutschen Musikszene der Endsiebziger? Wie hast Du Zugang gefunden?
Courtney Taylor: Als ich Teenager war (in den frühen 80ern), gab es in Deutschland ein großes Potential an toller Artmusic und Kunstfilmen, und so war es nur logisch, dass mit dem Aufkommen von Kabelfernsehen und durch das Verlangen nach Inhalten die amerikanischen Kunst- Nerd-Kids das wahrnehmen und davon berührt würden. Ich wurde es auf jeden Fall.

Wie entstand die Idee, One Model Nation zu schreiben und es in dem Hintergrund anzusiedeln? Hast Du die Deutschen studiert?
Donovan Leitch und ich kamen auf die Idee vor ungefähr 12 oder 13 Jahren. Wir haben fast ein Jahrzehnt lang die Vorkommnisse recherchiert und Leute interviewt, die damals in Deutschland gelebt haben.

Wie wurde das Buch realisiert? Hast Du die Story zuerst geschrieben? Und Jim es dann illustriert? Wieviel Einfluss hast Du auf die Ästhetik genommen?
Ich hab es erst als Stück geschrieben. Dann hat Mike Allred “Image Comics” dazu geholt, mit denen eine Indie-Version entstand. Schließlich hat “Titan” dann die Große gemacht. Ich ließ “Image Comics” das Stück an Jim schicken und ihm gefiel’s. Und so ist er dazugekommen.

In dem Buch enthältst Du Dich moralischer Kritik. In den Dialogen findet man allerdings verschiedene Sichtweisen und Meinungen. Ist eine Comic-Novelle, die fast ausschließlich in direkter Rede erzählt, deshalb die geeignete Form, um mit einem Thema umzugehen, das einen geschichtlichen, komplexen Hintergrund und in dem die Wahrheit mehr als eine Seite hat?
Ich denke schon, dass ich die RAF kritisiere, die unschuldige Menschen tötete, und das Leben aller abgefuckt hat. Und im Grunde die Regierung nur noch mächtiger machte, um bei Leuten einzudringen und sich überhaupt noch schlimmer zu benehmen, als sie es schon tat. Was ich nicht kritisieren kann, ist, dass sie eine Veränderung wollten und nicht nur rumsaßen und darüber redeten.

One Model Nation geht relativ “locker” mit dem Thema RAF um. Hätte die Geschichte auch in anderen Backgrounds stattfinden können?Die wichtigen Elemente Außenseitertum, Rock ‘n Roll, Rebellentum, Antiestablishment, Radikalität sind ja an mehreren historischen Plätzen zu finden…
Es wirkt locker, weil die Geschichte aus einer persönlichen Sichtweise von jemandem erzählt wird. Jemand, der nicht den ganzen Tag über die RAF sinniert. In der Realität denken die Leute viel über ihr eigenes Leben nach. Und wenn Terroristen ihr Leben abfucken, dann denken sie über diese nach. So war es auch für die Dandy Warhols, als die US-Anarchists genau um die Ecke von uns eine Lagerhalle hatten…

Eine entscheidende Stelle im Buch ist, als Sebastian beim Treffen mit seinem Vater eine ganz andere Seite seiner “Wurzeln” und seines Schicksals entdeckt. Zentraler Satz: “you didn’t create the revolution. maybe you just dress like it.” Bringt dies ein grundlegendes, ungutes Gefühl zum Ausdruck, wenn echtes Leben und Inhalt in eine oberflächliche Form transformiert werden: Life-Style?
Ja. Wobei ich sagen muss, dass dieser bestimmte Satz ein spezielles Mittel ist, damit dieses “Meeting the Mentor”-Ding seine Sicht auf die eigene Situation verändert. Ich wollte ihn damit konfrontieren, wie völlig langweilig es wäre, auszubrechen und in Frieden und Sicherheit zu leben. Ich fand, das wäre eine differenziertere und spezifischere Motivation, als das übliche “Töte den Vater und brenn’ ihr Haus runter”-Ding, um die persönliche Geschichte der Figur weiterzubringen.

Am Ende äußert Olaf Arte, dass die Selbstmorde von Stammheim ein Fake gewesen seien. Ty reagiert mit Gleichgültigkeit. Die richtige Haltung?
Das war die Haltung, der ich bei meinen Besuchen in Deutschland begegnet bin. Und die scheint auch ziemlich allgemeingültig zu sein, oder zumindest war sie das bei dem Typ Leuten, denen ich begegnet bin.

Glaubst du, ein Deutscher hätte das Buch anders geschrieben?
Karl Bartos hat zu mir gesagt, ich soll aufhören, nur mit alten Deutschen zu reden, und anstelle dessen den 14-Jährigen Kunst-Freak in mir darüber fantasieren lassen, wie es gewesen sein könnte.

Es gab das musikalische Projekt One Model Nation. Hattest Du keine Angst, den Mythos des Buches zu zerstören?
Die Platte ist von den vier Mitgliedern der Band in dem Buch. Also: Mir, Donovan Leitch, Elliott Barnes und Jon Fell. Es ist eine echte Band, zusammengesetzt aus meinen Lieblingsgenies. Und deshalb ist sie natürlich eine echte und außergewöhnliche Band. Dass wir eine Platte zusammen machten, konnte das Ganze nur noch vertiefen…

Wird es einen Film geben?
Ich hatte Gespräche mit zwei Regisseuren, von denen ich denke, sie wären in der Lage, es richtig zu machen. Ich hatte jetzt auch ein paar Treffen mit Leuten, die Typen wie sie finanzieren.. Also, ja, vielleicht. Vielleicht nicht.

Warum trägt Klaus Nomi einen “Fat Suit”?
Du meinst “Klaus”? Weil es die echt schrägste Idee war, die wir uns ausdenken konnten. Echt abgefahren. Das sieht so scheiß cool aus und ich hab noch nie jemanden so was machen sehen. Ich weiß nicht mehr, wessen Idee es war. Wahrscheinlich hat Rugg das einfach gezeichnet und ich hab “wow” gesagt. Übrigens ist es ein Fallschirm und kein Fat Suit.. Der hat keine Schwammstruktur.


One Model Nation
Courtney Taylor (Autor),
Jim Rugg (Illustrator)
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Titan Books (31. Januar 2012)
Sprache: Englisch
ISBN-10: 0857687263
ISBN-13: 978-0857687265
Größe: 17 x 1,3 x 25,8 cm