Ist Berlin immer noch das heißeste Pflaster?

Ist Berlin immer noch das heißeste Pflaster?

Bei der Frage, wo er denn herkomme, schwillt ihm die Brust. „Berlin.“ Bedeutungsvolle Pause. Erwartungsvolle Blicke. Seinen Wohnort trägt der Berliner, der zwar nicht von hier ist, aber dennoch so tut, vor sich her wie eine persönliche Bestleistung im Marathon.

Jana Kugoth

Denn er hat es geschafft: Er lebt in der angesagtesten und tolerantesten Stadt des gesamten Bundesgebiets. Und da erwartet er von seinem Gegenüber natürlich den nötigen Respekt, besonders, wenn dieser aus Hannover oder gar Süddeutschland kommt. Ist ja schließlich die Hauptstadt hier – und total unkonventionell. Und er, der (Neu-)Berliner, ist mittendrin! Unterschiede zwischen den Vertretern dieser neuen Berlin-Generation sind nur noch schwer auszumachen. Weder ihr äußeres Erscheinungsbild (Röhrenjeans und Flanell-Karohemd für die Jungs, Leggins oder Strumpfhose mit dem Pullover vom Freund für die Mädels, möglichst große Horn-Brillen für beide) noch die Freizeitaktivitäten weisen nennenswerte Unterschiede auf. An einem Sonntag schlendert der Hauptstädter nach dem Frühstück um 15.00 Uhr über den Flohmarkt am Mauerpark oder am Boxhagener Platz. Dank Club Mate und Sonnenbrille fühlt er sich wieder fit und ganz und gar großstädtisch. Viel geschlafen hat er in der Nacht zuvor nicht. Von zwei Uhr nachts bis zum Sonnenaufgang (und manchmal auch darüber hinaus!) hat sich der Berliner zu Elektroklängen durch die Nacht treiben lassen.
Die mitunter sehr basslastige, melodisch jedoch nicht zu anspruchsvolle elektronische Musik machte es möglich. Ist ja auch was Besonderes, diese Musik in den Berliner Clubs. Eben so gar nicht Mainstream. Der Berliner verliert sich in dieser Stadt, die sich selbst, frei nach Marlene Dietrich, zu den heißesten Pflastern der Republik deklariert. Vor lauter Toleranz und Freiheit weiß er gar nicht mehr, was er zuerst ausprobieren soll. So adaptiert er ganz einfach den Berliner Mitte-Schick und mit ihm den urbanen Lifestyle. Doch vielleicht ist das auch ganz normal in einer Stadt, die mit Pluralität und Toleranz mehr wirbt als mit ihrem Wahrzeichen, dem Brandenburger Tor. Und war da nicht noch was mit Politik? Damit sich der Berliner nicht in den scheinbar unüberschaubaren Angeboten an Sub- und Sub-Subkulturen verliert, lebt er den kollektiven Individualismus. Da weiß er wenigstens, was von ihm erwartet wird und kann sich seine Hauptstadtidentität schaffen. Warum aber strebt alles nach Berlin?

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