Top of the Pops – Top of the Iceberg

Foto:Beacon Radio/flickr

Top of the Pops – Top of the Iceberg

Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen
Jimmy Savile war Moderator von England beliebtester Jugendsendung “Top of the Pops”. Er hat über Jahrzehnte Minderjährige missbraucht. Hunderte. Mehrfach hat es Gerüchte und Beschwerden deshalb in Britanniens ehrwürdiger BBC gegeben. Immer wurden diese beiseite geschoben. Unter den Teppich gekehrt. Vertuscht.

Premierminister Cameron kritisiert die zweifelhafte Personalpolitik des britischen Rundfunkschlachtschiffs hinsichtlich des Spätgeouteten, der 2011 im Alter von 84 Jahren „friedlich“ starb: „Diese Vorbringungen“, so Cameron, „konfrontieren mehrere Institutionen – vielleicht am meisten die BBC – mit ernsten Fragen, die beantwortet werden müssen; ich denke zuallererst mit folgender: ´Wie konnte er mit all dem so lange davonkommen?´“

Die gleiche Frage mag sich auch der ein oder andere Londoner „Bobby“ in der Abteilung Sitte während der letzten Dekaden gestellt haben. Denn die Behörden starteten noch zu Saviles Lebzeiten nicht weniger als ein halbes Dutzend Ermittlungen über einschlägige Beschuldigungen, die gegen diesen erhoben wurden. Bereits Ende der 60er Jahre war der prominente Disc-Jockey, so offenbart es sein Neffe Guy Marsden jetzt gegenüber der Presse, Lieferant eines Pädophilenrings, der die Londoner Promiszene mit Kindern belieferte, die offenbar aus Pflegeheimen stammten. Solche Heime sponserte und „betreute“ Savile in späteren Jahren selbst.

Hätten die BBCDirektoren sich nicht mit dem Gedanken anfreunden müssen, dass es vielleicht gar keine so gute Idee war, einen Mann vom Schlage Saviles als Aushängeschild mit sich herumzuführen? Sechs Untersuchungen kommen nicht Mirnichtsdirnichts zustande. Eine mag einem Fehler oder einen falschen Gerücht geschuldet sein, aber nicht sechs. Man hätte Savile auffordern müssen, den Hut zu nehmen. Aber das geschah nicht. Und das ist irgendwie suspekt. Es drängt sich der Gedanke auf, dass die Chefetage des Senders ihren Angestellten schützte, weil sie fürchtete, dass dieser dann „auspacken“ könne, Namen nennen würde. Dass er imstande wäre, eine Lawine in Gang zu setzen. Oder weil der Angestellte durch sein Wissen und seine Verbindungen bereits zu groß geworden was. Too big too fail.

Pädo-Netzwerk im Herzen der Macht
Als die SavileAffäre ihrem Höhepunkt entgegenbrandete goss mit Tom Watson einer der führenden britischen Politiker Öl in dieses Feuer, das so viele am liebsten sofort wieder gelöscht hätten: Im englischen Parlament zeichnete der Stellvertretende Vorsitzende der LabourPartei während einer Regierungsanhörung dem völlig konsternierten Premier Cameron das Bild eines bis in höchste politische Kreise hineinverzweigten Pädophilennetzwerkes.

Konkret bezog er sich dabei auf den Fall eines Briten, der 1992 wegen der Einfuhr kinderpornografischen Materials aus Holland verurteilt worden war. Die Ermittlungsakten, so Watson, bewiesen, daß es einen weitreichenden Pädophilenring gebe. „Eines dieser Mitglieder prahlt mit Verbindungen zu einem Chefreferenten eines ehemaligen Premierministers, der sagt, er könne Bilder missbrauchter Kinder aus dem Ausland einschmuggeln. Dieser Spur wurde nie nachgegangen. Wenn die Aufzeichnungen noch existieren, dann will ich gewährleistet haben, dass die Polizei die Verdachtsmomente sicherstellt, sie untersucht und die Belege abprüft, nach denen ein mächtiges Pädophilennetzwerk existiert, das mit dem Parlament und dem Sitz des Premiers verbunden ist“.

Die britischen Medien spekulieren nun darüber, auf welchen Premierminister Watson angespielt hat. Der meistgenannte Name ist Sir Edward Heath, der dem Land von 1970-74 als Konservativer vorstand. „Saviles Spezi“ nennt ihn der „Daily Mirror“, den Kreis zum aktuellen Fall schließend. Der Premier trat damals in “Jim’ll Fix It”, einer TV-Show des Disc-Jockeys auf und soll wie Savile wiederholt auf der Kanalinsel Jersey im Umfeld des Kinderheims Haute de la Garenne gesehen worden sein.

Dutroux Hoch Zwei
Dass die Printmedien hierüber nichts oder wenig schreiben, dürfte einen einfachen Grund haben: Haute de la Garenne steht für einen der übelsten Kindsmissbrauchfälle der britischen Geschichte. Hier wurden über einen langen Zeitraum Hunderte Kinder von mindestens 150 verschiedenen Pädophilen missbraucht, misshandelt, gefoltert – und einige sogar getötet. Würden führende Köpfe der Gesellschaft mit dieser Verbrechensserie in Verbindung gebracht, dann entpuppt sich Haute de la Garenne als ein Fall Dutroux Hoch Zwei. Savile war nach Meldungen der (kurze Zeit danach ruinierten) Murdoch-Presse wiederholt zu Besuch. Ein Mann, den sein Neffe aus eigenen Erlebnissen heraus als Kinderschleuser und Teil eines Pädophilennetzwerks schildert. Und der mit der konservativen Oberschicht des Landes auf Du und Du stand, der – davon erzählte er oft – zu Weihnachten an Margaret Thatchers Kamin die Füße ausstreckte und mehr als einmal Gast am Hof der Royals war.
Dass der TV-Star im Kinderheim nicht nur Platten auflegte und Süßigkeiten verteilte, davon ist Lenny Harper überzeugt. Er leitete die Untersuchungen des Missbrauchsfälle und ist sich laut Daily Mail sicher: Savile war verstrickt in den Haute-Le-Garenne-Skandal, missbrauchte dort selbst Minderjährige. Rechtsanwalt Allan Collins, der auf Jersey 42 Missbrauchsopfer vertritt, enthüllte gegenüber BBC News, dass es von Seiten mehrerer Opfer Anschuldigungen gegen den DJ gegeben habe. Folgen hatte das keine. Die Justiz zeigte sich desinteressiert, die Polizei ermittelte nicht.

Der springende Punkt dürfte in den engen Verbindungen Saviles zur hohen Politik zu finden sein, zumal wenn diese Entscheidungsträger einschlossen, die gleiche „Interessen“ wie er verfolgten. Rupert Murdoch wurde von seinen Gegnern gern des Kampagnenjournalismus bezichtigt. Wenn das stimmt, dann richtete sich die letzte große Kampagne seiner Pressefamilie –gegen Pädophilennetzwerke. Eine ganze Serie von Artikeln waren nur diesem einen Thema gewidmet, und ist spannend zu beobachten, wie sich die Journalisten des australischen Medientycoons langsam an die darin verstrickten Eliten vortasteten, so als ginge es darum, Druck gegen einen ganzen Staat aufzubauen. Auch Jimmy Savile war Teil der Murdochenthüllungen: Die Sun wartete mit einem Foto auf, das ihn im Kinderparadies Haute-Le-Garenne zeigte, Savile, der nie dort gewesen sein wollte, ging gerichtlich dagegen vor.

Der finale Schlag Murdochs, wenn es denn seiner war, legte den Finger dann mitten hinein in die Wunde des Savile-Skandals: Im Internet kursiert ein geradezu sensationeller Artikel, welcher der „News of the World“ zugeschrieben wird, der damals erfolgreichsten Sonntagszeitung Großbritanniens, die Wochen nach dieser Veröffentlichung (wenn es sie denn gab) vom Markt genommen wurde. Kein Pressemedium weltweit scheint diese Story gespiegelt oder aufgegriffen zu haben. Unter der Überschrift „Jersey: Kinder wurden an reiche pädophile Yachtbesitzer vermietet“ findet sich hier in der typischen Schreibe des Hauses Murdoch einmal die Türe zum Vertuschungslastigen Fall Jersey weit aufgetan.

Wir lesen: Die Kinder des Heims wurden als SexSklaven missbraucht. Wie im belgischen Fall Dutroux entdeckte man Kerker und Verliese, Folterkeller, Blutspuren, Leichenteile, Knochen. Verantwortliche des Heims, die Kinder als Sexskaven zur Verfügung stellten, wiesen mit Grabungsaufgaben betraute Arbeiter an, etwaig gefundene Knochenreste verschwinden zu lassen oder zu verbrennen. Polizisten wurden unter Druck gesetzt und beschreiben die „Aufklärungsarbeiten“ als untauglich. Es gab Druck auf den obersten Ermittlungsbeamten, keine Hintergründe an die Presse zu geben. Korrupte und korrumpierte politische Entscheidungsträger fanden sich vor Ort allenthalben. Ein Pädophiler, der sich wiederholt an Schutzbefohlenen vergriffen hatte, stieg mit Protektion der örtlichen „Regierung“ zum zweithöchsten Cop des Inselstaats Jersey auf. Establishmentvertreter waren in die Missbrauchsfälle verstrickt und beteiligten sich an Vertuschungsmanövern.

Und dann, ganz am Ende des Textes, finden wir im Passus „Es wird behauptet“ folgende Worte: „Er ist bekannt für seinen perversen Missbrauch halbwüchsiger Jungen. Eine Informationsquelle redete mit einem seiner Opfer und er sprach von anderen die dabei waren und – was noch bedeutender ist – von dem, der ihm die Kinder zuführte. Die Person, die ihm die Kinder für den Missbrauch zuführte ist Sir Jimmy Savile. Er wurde von dem Zeugen – einem Opfer – dabei gesehen, wie er halbwüchsige Jungen auf Heath´ Yacht, die „Morning Cloud“, brachte, während der Parteitag abgehalten wurde. Savile ist bekannt dafür, eine Reihe prominenter Parlamentarier für sexuelle Zwecke mit Kindern zu versorgen.

Hochverzinsliche Verwundbarkeiten
Die „Morning Cloud“ war die Yacht des ehemaligen britischen Premierministers Sir Edward Heath. Saviles „Freund“, der, das ist sicher, des öfteren vor Jersey seinen Anker auslegte. Heath wurde selbst von der Mainstreampresse mit homosexuellen Neigungen und Handlungen in Verbindung gebracht.
So eröffnete Brian Coleman dem „New Statesman“ Magazin als leitender Tory-Politiker und Mitglied des Londoner Stadtparlaments, dass der ExPremier an öffentlichen Plätzen sexuelle Kontaktaufnahmen gesucht habe. Es sei, so Coleman, unter den Konservativen allgemein bekannt, dass Heath deswegen ob seiner politischen Verwundbarkeit nachdrücklich von der Polizei gewarnt wurde.
Eine homosexuelle Orientierung stellte bis in die jüngere Zeit im politischen Geschäft ein „Sicherheitsrisiko“ dar. Gelebte Homosexualität steht in einigen Belangen nach wie vor unter Strafe, Betroffene sind also erpressbar. Gerade wenn sie als Prominent gelten. Gerade wenn das Terrain von Sex mit Minderjährigen betreten wird.
Die Sexszene ist daher seit jeher ein beliebtes Spielfeld der verschiedenen Geheimdienste. Inkriminierende Aufnahmen von Establishmentvertretern mit der „falschen“ Frau, Bilder die HomoVergnügungen dokumentieren und vor allem Beweise für Kindersex gehören zum Standardrepertoire der internationalen Schlapphutgemeinde, um Freund und Feind „bei der Stange halten“ zu können.

Heath scheint nicht nur einmal mit offenen Armen in diese Falle hineingelaufen zu sein. Sein Name wird auch mit dem Belfaster Kinderheim Kincora in Verbindung gebracht, einem weiteren großangelegten Missbrauchsfall. Auch in der Nordirischen „Betreuungsstätte“, die Heath nachweislich besuchte, wurden Minderjährige über Jahre hinweg an Pädophile Bigshots vermittelt. Die Rede ist unter anderem von Lord Mountbatten, der Savile in die königliche Familie einführte und von Maurice Oldfield, Exchef des Auslandsnachrichtendienstes MI6. Alles unter dem wachsamen Auge des britischen Inlandsgeheimdienstes: Einer der Täter vor Ort, William McGrath, arbeitete für den MI5. Colin Wallace, ein ehemaliger MI5 Offizier vermutet kaum zu Unrecht, daß seine Truppe Kincora dazu nutzte, um die Karriere führender Gesellschaftsrepräsentanten im gewünschten Sinne “auszusteuern”. Aber es würde mit Blick auf die spannendsten Enthüllungen in der Dutrouxaffäre (innerhalb welcher der Geheimdienstkoordinator der Regierung Kohl, Bernd Schmidbauer, Dutroux als Stasi-Zuträger identifizierte) sehr verwundern, wenn sich nicht auch auswärtige Schnüffeldienste mit gleichen Absichten in den Betrieb des Kinderhorts eingezeckt hatten.
Allein, der „Fall Savile“ reicht weiter und bis in die Gegenwart hinein. Wie ein „Who´s Who“ der britischen Regierungselite liest sich….
(Fortsetzung in der folgenden DorianGrey-Printausgabe)